Das Ende des Zweiten Weltkriegs, oftmals als Stunde Null bezeichnet, gilt als Stunde des Neuanfangs. Für die Sudetendeutschen jedoch begann im Mai 1945 eine neue Leidenszeit. Mit dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes setzte nicht Frieden ein, sondern Entrechtung, Gewalt und schließlich Vertreibung. Dieses Kapitel gehört untrennbar zur europäischen Nachkriegsgeschichte – und es betrifft Baden-Württemberg unmittelbar.
Gewalt nach dem Waffenstillstand: Die „wilden Vertreibungen“
2,5 bis 3 Millionen Deutsche wurden nach Kriegsende aus der Tschechoslowakei vertrieben. Bereits 1945 kam es zu den sogenannten „wilden Vertreibungen“: Menschen wurden aus ihren Wohnungen geholt, öffentlich misshandelt, enteignet oder auf Todesmärsche geschickt. Zeitzeugen berichten von nächtlichen Räumungen, von Schlägen auf offener Straße, von Vergewaltigungen, von Hunger und Erschöpfung. Familien wurden getrennt, viele überlebten die ersten Monate nicht.Diese Gewalt geschah nicht im rechtsfreien Raum der letzten Kriegstage, sondern nach dem Waffenstillstand. Erst die Potsdamer Konferenz Mitte Juli 1945 schuf einen formalen Rahmen für die Umsiedlung der deutschen Bevölkerung aus Böhmen und Mähren. Der alliierte Anspruch einer „ordnungsgemäßen und humanen“ Durchführung, festgehalten im Artikel XII des Protokolls, stand jedoch in starkem Gegensatz zur Realität.
Organisierte Transporte: Der Weg nach Baden und Württemberg
Ab Januar 1946 begann diese Phase der organisierten Vertreibung. Nun rollten systematisch zusammengestellte Transporte aus Sammellagern in der Tschechoslowakei Richtung Westen. Güterzüge, häufig überfüllt und notdürftig versorgt, brachten Familien in die errichteten Besatzungszonen – in großer Zahl nach Baden und Württemberg.
Nach den Aufzeichnungen von Wilhelm Jun trafen allein im Jahr 1946 insgesamt 365 Transporte mit 367.672 Menschen im heutigen Baden-Württemberg ein. Diese Züge erreichten 25 Städte und Gemeinden des Landes. Besonders viele Ankünfte verzeichneten Ulm (38 Transporte, 29.634 Personen), Göppingen (33 Transporte, 31.970 Personen), Aalen (31 Transporte, 32.727 Personen) und Schwäbisch Gmünd (28 Transporte, 31.136 Personen). Auch Karlsruhe, Heidelberg, Esslingen, Stuttgart oder Waiblingen wurden zu Zielorten dieser Zwangsmigration.
Baden-Württemberg als eines der wichtigsten Aufnahmeländer
Damit wurde Baden-Württemberg zu einem der wichtigsten Aufnahmeländer für Sudetendeutsche überhaupt. Die Kommunen standen vor Aufgaben, die kaum zu bewältigen schienen: zerstörte Städte, Wohnraummangel, Lebensmittelknappheit, eine Bevölkerung selbst gezeichnet von Krieg und Verlust. Und dennoch gelang Aufnahme. Nicht reibungslos, nicht konfliktfrei – aber dauerhaft.
Die Vertriebenen blieben. Sie arbeiteten, gründeten Betriebe, bauten Häuser, Vereine und Kirchengemeinden auf. Sie prägten das wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Leben des Landes nachhaltig. Baden-Württemberg ist ohne diesen Beitrag nicht denkbar.
Vertreibung bleibt Unrecht – auch im historischen Rückblick
Doch Integration allein genügt nicht als historische Bilanz. Vertreibung bleibt Unrecht – unabhängig von ihrem administrativen Ablauf. Oder, wie es der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog formulierte "Kein Unrecht, und mag es noch so groß gewesen sein, rechtfertigt anderes Unrecht. Verbrechen sind auch dann Verbrechen, wenn ihm andere Verbrechen vorausgegangen sind.”Diese Klarheit ist notwendig – auch 80 Jahre später. Nicht zur Schuldzuweisung, sondern zur historischen Ehrlichkeit.
Vom Erinnern zum Gestalten: Verantwortung heute
Gleichzeitig haben die Sudetendeutschen bewusst einen Weg gewählt, der über die Vergangenheit hinausführt.„Unsere Volksgruppe blickt zurück auf die Heimat, richtet ihren Blick aber ebenso fest in die Gegenwart und Zukunft unseres Landes und des europäischen Zusammenlebens“, sagt Klaus Hoffmann, Landesobmann der Sudetendeutschen in Baden-Württemberg. Dieser Satz beschreibt den Wandel vom Opferstatus zur Verantwortung: erinnern, ohne zu verhärten; gestalten, ohne zu vergessen.
Brückenbauer zwischen Deutschland und Tschechien
Heute verstehen sich die Sudetendeutschen als Brückenbauer zwischen Deutschland und Tschechien. Patenschaften, Städtepartnerschaften und zivilgesellschaftliche Kontakte sind Ausdruck dieser Haltung. Ein besonders starkes Zeichen dieser Entwicklung ist die Einladung zum Sudetendeutschen Tag 2026 nach Brünn, ausgesprochen von der Initiative Meeting Brno. Aus jener Stadt, von der einst Vertreibung und Leid ausgingen, kommt heute ein bewusstes Angebot zur gemeinsamen Erinnerung.
Erinnerungsort mit Verantwortung
Dass Brünn einlädt, ist kein Schlussstrich. Es ist ein Fortschritt.
Und es zeigt: Geschichte trennt nur dort dauerhaft, wo man ihr ausweicht. Baden-Württemberg war 1946 Ankunftsort von Hunderttausenden. Heute ist es auch Erinnerungsort – und damit in besonderer Verantwortung.
Wir vertreten die im Land Baden-Württemberg wohnenden Sudetendeutschen.
Die Nachfahren jener Deutschen, die vor mehr als 800 Jahren in den sogenannten "Böhmischen Ländern", nämlich in Böhmen, Mähren und dem südlichen Teil Schlesiens (diese Länder bilden heute die "Tschechische Republik") ansässig geworden sind, wurden in diesem Jahrhundert unter dem Sammelnamen "Sudetendeutsche" bekannt.
1945/46 wurden 3,2 Millionen von den insgesamt 3,5 Millionen Sudetendeutschen aus ihrer Heimat vertrieben, ihr Eigentum wurde entschädigungslos konfisziert. Konfiskation und Vertreibung waren begleitet von blutigen Exzessen. Grundlage dieser gegen Menschen- und Völkerrecht verstoßenden "ethnischen Säuberung" bildeten Dekrete, die vom damaligen tschechoslowakischen Staatspräsidenten Edvard Beneš erlassen worden waren und die heute noch gültig sind.
Rund 600 000 dieser vertriebenen Sudetendeutschen kamen nach Baden-Württemberg, wo sie sich eine neue Existenz aufbauten und in das wirtschaftliche, gesellschaftliche, kulturelle und politische Leben eingegliedert wurden. Sie fanden sich in zahlreichen Vereinigungen zusammen, deren Grundlage ganz verschiedenartig war: Herkunftsgebiete, politische oder kulturelle Interessen, Freizeitgestaltung, berufliche Gemeinsamkeiten und manches mehr.
Jeder 15. Einwohner Baden-Württembergs ist Sudetendeutscher. Heute gibt es in Europa und Übersee insgesamt rund 3,8 Millionen Sudetendeutsche. Rund 600 000 von ihnen kamen im Zuge der Vertreibung aus ihrer Heimat nach dem 2.Weltkrieg nach Baden-Württemberg. Gemeinsam mit der einheimischen Bevölkerung trugen sie in der Nachkriegszeit zum Wiederaufbau des Landes bei. Durch ihre Stimmabgabe bei der Volksabstimmung 1952 waren sie wesentlich am Zustandekommen des "Südweststaates" beteiligt. Die für Baden-Württemberg kennzeichnende Ausgewogenheit zwischen großen Weltfirmen, Mittel- und Kleinbetrieben hat die wirtschaftliche Eingliederung der Sudetendeutschen und die Gründung neuer Werke und Fabriken durch sudetendeutsche Unternehmer in besonderem Maße erleichtert. Stellvertretend dafür seien genannt die Autofirma Porsche in Stuttgart, die Wiesenthal-Glashütte in Schwäbisch Gmünd, die Aluminium-Hütte Grohmann in Bisingen,die Maschinenfabrik Panhans in Sigmaringen, die Papierwerke Zechel in Reilingen,das Pharmawerk Merckle in Blaubeuren, dazu zahlreiche weitere mittlere und kleinere Betriebe.
27 Städte und Gemeinden Baden-Württembergs übernahmen Patenschaften über sudetendeutsche Kreise, Gemeinden und Landschaften. Insgesamt 24 kulturelle sudetendeutsche Einrichtungen – wissenschaftliche Gesellschaften, Archive, Büchereien, Sammlungen, Heimatstuben – wurden durch eigene Kraft der Sudetendeutschen und mit Hilfe öffentlicher Stellen in Baden-Württemberg aufgebaut.
Aus dem kulturellen Leben des Landes sind manche Namen von Sudetendeutschen nicht mehr wegzudenken, wie z. B. der Bildhauer Prof. Otto H. Hajek, die Tänzerin Birgit Keil, die Komponisten Karl-Michael Komma und Widmar Hader, der weltbekannte Posaunist Armin Rosin, die Dirigenten Wolfgang G. Hofmann und Emmerich Smola, die Malerin Traude Teodorescu-Klein oder der Dichter und Schriftsteller Josef Mühlberger – um nur einige wenige stellvertretend zu nennen.
Das Sudetenland im Vergleich zur Fläche einzelner deutscher Bundesländer
Bayern 70550 km2
Baden-Württemberg 35750 km2
Sudetenland 26500 km2
Hessen 21100 km2
Schleswig-Holstein 15700 km2
Saarland 2600 km2
Die kulturelle Verflechtung der Sudetendeutschen mit den übrigen deutschen Ländern und Landschaften ist seit Jahrhunderten eng und vielgestaltig.
Beispiele sind: Der schwäbische Baumeister Peter Parler aus Schwäbisch Gmünd, der im 14. Jahrhundert u. a. den Veitsdom in Prag erbaute, oder der aus dem Egerland kommende Barockbaumeister Balthasar Neumann, der nicht nur die Würzburger Residenz, sondern z. B. auch berühmte Treppenhäuser in Brühl und Bruchsal schuf. Auch andere Namen, herausgegriffen aus einer großen Zahl, beweisen den lebendigen Anteil, den die Deutschen aus den böhmischen Ländern am geistigen Leben des gesamten deutschen Volkes hatten und haben: Der Komponist Johann Wenzel Stamitz aus Deutsch-Brod beispielsweise, der später in Mannheim wirkte, Vinzenz Prießnitz und Johann Schroth, die großen Naturheiler, der Brünner Abt Gregor Mendel, dessen Vererbungslehre zur Grundlage moderner Genetik wurde, die Friedensnobelpreis-Trägerin Bertha von Suttner, die Dichter Rainer Maria Rilke, Adalbert Stifter, Marie von Ebner-Eschenbach, die Maler Alfred Kubin oder Ferdinand Staeger, aber auch die Bamberger Symphoniker, die nach der Vertreibung aus den "Prager Deutschen Philharmonikern" hervorgegangen waren, oder auch der Schriftsteller Otfried Preußler aus Reichenberg, dessen "Räuber Hotzenplotz" und "Kleine Hexe" heute Millionen Kinder und Erwachsene erfreuen.
Die Organisationen der Sudetendeutschen spiegeln in ihrer Vielfalt und Vielschichtigkeit das Leben und die Interessen der Angehörigen dieser Volksgruppe wider. Im politischen, kulturellen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, beruflichen, sozialen und gesellschaftlichen Bereich gibt es sudetendeutsche Zusammenschlüsse, aber auch auf Generationsebene und im Bereich der Freizeitgestaltung.
In Baden-Württemberg gibt es heute 27 größere sudetendeutsche Vereinigungen, von denen viele noch Untergliederungen auf Orts- und Kreisebene haben.
Mehrere sudetendeutsche Zeitschriften werden in Baden-Württemberg herausgegeben, ebenso haben verschiedene sudetendeutsche Stiftungen, Institute und Gesellschaften ihren Sitz in diesem Lande.
Die Sudetendeutschen im Vergleich zur Einwohnerzahl verschiedener Staaten
Norwegen 4,1 Mio
Sudetendeutsche 3,8 Mio
Irland 3,3 Mio
Albanien 2,7 Mio
Luxemburg 0,36 Mio
Island 0,23 Mio
Sudetendeutsche Landsmannschaft Landesgruppe e. V
Schloßstr. 92
70176 Stuttgart
Telefon: +49 (711) 625411
Telefax: +49 (711) 6336525
http://www.sudeten-bw.de
Vorsitzender
Telefon: +49 (711) 625411
E-Mail: klaus.hoffmann@sudeten-bw.de
![]()
