Internationaler Tag der Bildung: Wenn an ME/CFS erkrankte Kinder nicht zur Schule gehen können

Bildung ist ein grundlegendes Recht und eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Doch für viele Kinder bleibt dieses Recht unerreichbar – nicht aus mangelnder Motivation, sondern aufgrund schwerer chronischer Erkrankungen wie ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom).

ME/CFS ist eine schwere, komplexe Multisystemerkrankung, die auch Kinder und Jugendliche betrifft. Zu den Leitsymptomen gehören die Post-Exertional Malaise – eine oft zeitverzögerte Zustandsverschlechterung nach Belastung, kognitive Einschränkungen, Schmerzen, Schlafstörungen sowie schwere Erschöpfungssymptome. Viele erkrankte Kinder sind nicht oder nur sehr eingeschränkt schulbesuchsfähig.

Schule als kaum überwindbare Hürde

Der reguläre Schulalltag stellt für viele Kinder mit ME/CFS eine massive Überforderung dar. Schon wenige Stunden Unterricht können bei moderat erkrankten Kindern zu einer deutlichen Verschlechterung des Gesundheitszustands führen – mit teils langfristigen Folgen. Konzentration, Reizverarbeitung, Sitzen, Schreiben oder das Einhalten fester Zeitstrukturen sind häufig nicht möglich. Für schwer- und schwerstbetroffene Kinder ist ein Schulbesuch unmöglich. Dennoch wird die Erkrankung oft unterschätzt oder missverstanden, da sie von außen nicht sichtbar ist.

Betroffene Kinder erleben im schulischen Bereich nicht selten ein fehlendes Verständnis für ihre Erkrankung und den damit verbundenen Belastungsgrenzen. Es fehlt – auch in Niedersachsen – an alternativen Lernangeboten wie Haus- oder Distanzunterricht.

Appell an Politik und Schulbehörden

Politik und Schulbehörden stehen in der Verantwortung, das Recht auf Bildung auch für Kinder mit ME/CFS wirksam umzusetzen. Dazu braucht es verbindliche Strukturen mit klaren Zuständigkeiten sowie ein fundiertes Fachwissen zum Krankheitsbild.

Notwendig sind insbesondere:

  • die Anerkennung von ME/CFS als schwere, dauerhaft einschränkende Erkrankung im schulischen Kontext
  • verbindliche Regelungen für Nachteilsausgleiche, flexible Beschulung und individuelle Leistungsbewertung
  • der Ausbau von Haus-, Hybrid- und Distanzunterricht für schwer erkrankte Kinder, beispielsweise durch die Nutzung von Avataren
  • Fortbildungen für Lehrkräfte und Schulverwaltungen zu ME/CFS und anderen unsichtbaren chronischen Erkrankungen
  • eine enge, unbürokratische Zusammenarbeit zwischen Schulen, Eltern und medizinischen Fachstellen
  • sowie die Vermeidung von Druck und Sanktionen, die den Gesundheitszustand der Kinder weiter verschlechtern können.

Ein inklusives Bildungssystem erkennt unterschiedliche Lernvoraussetzungen an und schafft Rahmenbedingungen, die individuelles Lernen ermöglichen, ohne ein zusätzliches Risiko für den Erkrankungszustand darzustellen.

Unter dem Motto „KI und Bildung: Menschliche Handlungsfähigkeit in einer Welt der Automatisierung bewahren“ macht der Tag der Bildung deutlich, dass technologische Innovationen bewusst gestaltet werden müssen. Für die Integration von Kindern mit ME/CFS in das Bildungssystem bieten digitale Bildungsformen jedoch ein bislang kaum genutztes Chancenpotenzial.

Über Lost Voices Stiftung

Die bisher unheilbare neuroimmunologische Multisystemerkrankung Myalgische Enzephalomyelitis ME (oft auch als Chronic Fatigue Syndrome CFS bezeichnet) ist eine Krankheit, die alle Dimensionen sprengt. Es existiert hierzulande keine medizinische, soziale und pflegerische Versorgung für ME/CFS-Erkrankte. Für diese „verlorenen Stimmen“ setzt sich die Lost Voices Stiftung als eine von wenigen Organisationen in Deutschland ein, um sie ins Blickfeld des Gesundheitssystems zu rücken und Lösungen für die unerhörte Situation zu finden. Es sind vor allem junge Menschen, die durch einen Infekt aus dem Leben gerissen werden und an ME/CFS erkranken.

Wir möchten das Thema in die Öffentlichkeit tragen, engagieren uns für eine bessere Versorgungslage, wir kämpfen um ein höheres Forschungsbemühen, um dringend benötige Forschungsgelder und um eine bessere Arztausbildung.

Ein Beispiel unseres aktuellen Engagements ist, unsere Förderung junger Wissenschaftler mit besonderem Schwerpunkt auf die Erkrankung. Diese erhalten ein einjähriges Stipendium und wir ermöglichen ihnen die Teilnahme an einer internationalen Fachtagung zu ME/CFS. Des Weiteren versorgen wir mit unserer virtuellen Sprechstunde Schwererkrankte. Wir leisten damit einen aktiven Beitrag, um die Versorgungssituation in Deutschland künftig zu verbessern.

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