Kirchengeschichte aus eigener Perspektive
Zu Beginn seines Vortrags erinnerte Pastor Raimund Baum an ein Wort des evangelischen Kirchenhistorikers Martin H. Jung: Kirchengeschichte beantworte nicht, was Kirche sei, wohl aber, warum sie heute so geworden sei. Wer verstehen wolle, weshalb Kirchen bestimmte Traditionen entwickelt hätten oder warum sie sich unterscheiden würden, müsse daher die Geschichte der Kirche ernst nehmen.
Dabei sei der Blick auf die Geschichte jedoch nie neutral. Jede Kirche lese die Kirchengeschichte aus ihrer eigenen Entwicklung heraus, und auch persönliche Erfahrungen prägten den Blick auf historische Ereignisse. Kirchen des 19. Jahrhunderts – darunter auch viele Freikirchen – seien beispielsweise in einer Zeit entstanden, die stark von Fortschrittsdenken, Individualismus und demokratischen Idealen geprägt gewesen sei. Diese Prägung beeinflusse bis heute, wie man frühere Epochen der Kirche beurteile.
Pastor Baum sprach in diesem Zusammenhang von einem „biographischen Blick“ auf Kirchengeschichte – ein Ansatz, den er vom Theologen Christoph Markschies übernommen habe. Dabei gehe es darum zu fragen, wann und wie man einem Thema zum ersten Mal begegnet sei und wie sich die eigene Sicht im Laufe der Zeit verändert habe.
Erste Begegnung mit dem Konzil über Kaiser Konstantin
Für ihn selbst sei die erste Begegnung mit dem Konzil von Nizäa nicht das Glaubensbekenntnis gewesen, sondern die Gestalt des römischen Kaisers Konstantin der Große. In kirchlichen Diskussionen über den Sabbat und den Sonntag werde häufig auf Konstantin verwiesen, der im Jahr 321 den Sonntag im römischen Reich als allgemeinen Ruhetag stärkte und verbindlich machte.
Diese Regelung habe lange Zeit seinen Blick auf das Konzil geprägt. Sie sei für ihn ein Beispiel dafür gewesen, wie eng politische Entscheidungen und kirchliche Entwicklungen miteinander verbunden sein konnten. Erst später habe sich sein Bild differenziert.
Konstantin habe versucht, das Christentum in das römische Reich zu integrieren und religiöse Einheit als Grundlage für politischen Frieden zu nutzen. Dazu gehörten Privilegien für Christen, rechtlicher Schutz und auch Versuche, das Christentum stärker von jüdischen Traditionen zu unterscheiden.
Schwierige Frage der Abgrenzung zum Judentum
Gerade diese Abgrenzung vom Judentum bezeichnete der Referent als eine der Schwierigkeiten bei der historischen Betrachtung des Konzils. So habe etwa die Festlegung eines einheitlichen Ostertermins auch dazu gedient, Ostern nicht mehr in Verbindung mit dem jüdischen Pessachfest zu feiern. Heute werde diese Entwicklung kritischer gesehen. Christlicher Glaube definiere sich in der Gegenwart nicht mehr primär durch Abgrenzung, sondern zunehmend durch die Wertschätzung der gemeinsamen Wurzeln mit dem Judentum. Die jüdischen Grundlagen des christlichen Glaubens seien stärker ins Bewusstsein gerückt.
Streit um die Stellung von Jesus
Das erste ökumenische Konzil von Nizäa begann im Jahr 325 und versammelte nach historischen Schätzungen etwa 200 bis 300 Bischöfe. Im Mittelpunkt stand der sogenannte arianische Streit um die Stellung Jesu Christi zu Gott. Ausgelöst worden war die Auseinandersetzung durch den alexandrinischen Presbyter Arius, der die Einzigkeit Gottes betonen wollte und deshalb lehrte, der Sohn sei zwar göttlich, aber nicht von Ewigkeit her wie der Vater. Die Konzilsväter formulierten daraufhin im Glaubensbekenntnis von Nizäa, dass Christus „wesensgleich“ mit dem Vater sei. Der griechische Begriff „homoousios“ sollte diese Gleichheit ausdrücken. Neben dieser theologischen Entscheidung traf das Konzil auch weitere Beschlüsse, etwa zur Kirchenordnung und zur Stellung von Bischöfen in den Provinzen.
Impulse für heutige ökumenische Gespräche
Aus der Geschichte des Konzils leitete Pastor Raimund Baum mehrere Impulse für die Gegenwart ab. Ein wichtiger Punkt sei die Möglichkeit, trotz theologischer Unterschiede gemeinsame Glaubensaussagen zu formulieren. Das Konzil zeige, dass Christen Wege finden können, verbindende Aussagen über ihren Glauben zu treffen. Zugleich erinnere Nizäa daran, dass solche Formulierungen nie endgültig seien. Auch das nizäanische Glaubensbekenntnis sei später noch erweitert worden.
Ein weiterer Impuls liege im synodalen Charakter des Konzils. Bischöfe hätten gemeinsam beraten und Entscheidungen im Austausch getroffen. Daraus habe sich ein Modell für spätere kirchliche Versammlungen entwickelt.
Kirche bleibt unterwegs
Schließlich erinnerte der Referent daran, dass Streit zur Geschichte der Kirche gehöre. Konflikte könnten zu größerer Klarheit führen, wenn sie ernsthaft geführt würden.
Der Blick auf das Konzil könne daher vor zwei Extremen bewahren: vor einer Verklärung der Vergangenheit ebenso wie vor der Selbstüberschätzung der Gegenwart. Kirche sei nicht fertig, sondern bleibe ein Weg, auf dem jede Generation den Glauben neu verstehen und formulieren müsse.
Zum Hintergrund
Der Referent Raimund Baum ist Pastor der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Niedersachsen und betreut die Adventgemeinden in Göttingen, Hann. Münden und Northeim. Seit 2025 vertritt er seine Freikirche in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Niedersachsen. Im letzten Jahr war Baum als Referent beim ökumenischen Studientag des Bistums Hildesheim eingeladen. Dort gestaltete er einen Workshop über Chancen multilateraler Ökumene.
Der „2.Tag der Ökumene“ im Apostelbereich Mitte-Nord der Neuapostolische Kirche wurde von Bezirksevangelist Thomas Sperling mit einem Team von Ökumene-Referenten organisiert. Die Veranstaltung begann mit einem Gottesdienst mit Apostel Ralf Vicariesmann. Anschließend fanden mehrere Workshops statt, unter anderem mit Sperling sowie mit Vertretern verschiedener Kirchen: dem serbisch-orthodoxen Geistlichen Milan Pejic, Evangelist Dr. Sven Mönkemeyer, Priesterin Inga Ortmann-Röpke und Hirte Dirk Ballosch aus neuapostolischen Kirchenbezirken sowie mit dem orthodoxen Theologen Achilleas Anastasiadis und dem Geistlichen Gerasimos Frangulakis. Den Abschluss bildete ein Besuch der griechisch-orthodoxen Kirche Heilige Drei Hierarchen, wo die Teilnehmenden eine Einführung in Geschichte und Tradition der Gemeinde sowie einen musikalischen Beitrag aus der orthodoxen Liturgie erhielten. Siehe auch den Bericht der NAK-Nordost unter https://goettingen.nak-nordost.de/db/594576
Adventisten und das Konzil von Nizäa
In der Novemberausgabe 2025 der Kirchenzeitschrift Adventisten heute erschien unter der Überschrift „Was Christen bis heute verbindet“ ein Artikel von Johannes Naether, Präsident des Norddeutschen Verbandes der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, zum Konzil von Nizäa (siehe APD-Meldung vom 4. November 2025). Darin fragte er unter anderem: Haben wir in den Kirchen ein Bewusstsein dafür, dass bestimmte Fragen und Glaubensaussagen so wichtig sind, dass sie eindeutig und, wenn möglich, einvernehmlich geklärt werden müssen? Gott als Schöpfer, die Bibel als das Wort Gottes, Gott-Vater, Gott-Sohn, Gott-Heiliger Geist. Nizäa erinnere uns daran, dass es um das Wesentliche im christlichen Glauben geht: das Heil in Jesus Christus. Darin bräuchten wir Klarheit, wenn nötig sogar mit (schmerzhaften) Abgrenzungen. Doch Nizäa gab auch den wichtigen Impuls, dass durch gemeinsames Gespräch, also unter Einbeziehung aller Beteiligten, Unterschiede angesprochen und geklärt werden können, so Naether.
Das Bekenntnis von Nizäa 325
Ich glaube an den einen Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren.
Und an den einen Herrn Jesus Christus,
den Sohn Gottes,
der als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt ist, das heißt: aus dem Wesen des Vaters,
Gott aus Gott, Licht aus Licht,
wahrer Gott aus wahrem Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater (homoousion to patri);
durch den alles geworden ist, was im Himmel und was auf Erden ist;
der für uns Menschen und wegen unseres Heils herabgestiegen und Fleisch geworden ist,
Mensch geworden ist,
gelitten hat und am dritten Tage auferstanden ist,
aufgestiegen ist zum Himmel,
kommen wird um die Lebenden und die Toten zu richten;
Und an den Heiligen Geist.
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