„Charta hat Vorbildcharakter“

Im Rahmen einer Feierstunde, erinnert die Union der Vertriebenen und Flüchtlinge und der Bund der Vertriebenen alljährlich an die Unterzeichnung der "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" am 5.August 1950 in Stuttgart. Dazu hatten sich auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Teilnehmer an der Gedenktafel vor dem Ehrenhof des Neuen Schlosses in Stuttgart zusammengefunden, unter denen die Landes- und Kreisvorsitzende der Union der Vertriebenen und Flüchtlinge, die Stuttgarter Stadträtin Iris Ripsam, auch Vertreter aus der Politik wie den CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Stefan Kaufmann, den CDU- Landtagsabgeordneten Konrad Epple, sowie die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Reinhardt und den ehemaligen CDU- Regionalrat Hans-Werner Carlhoff begrüßen konnte. Aber auch Alt-Stadträtin Bärbel Häring sowie zahlreiche Honoratioren von den Vertriebenenverbänden wie die Bundesfrauenreferentin der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Gerda Ott, der Landesgeschäftsführer des Bundes der Vertriebenen Baden-Württemberg, Hartmut Liebscher, und der Stuttgarter Kreisvorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Albert Reich, waren zur Feierstunde gekommen, um der Festrede des Bundesvorsitzenden der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung der CDU Deutschlands, dem Thüringer Landtagsabgeordneten Egon Primas (CDU), in der von der Bläsergruppe Feuerbach musikalisch umrahmten Feier, beizuwohnen.

Die Landesvorsitzende des Bundes der Vertriebenen Baden-Württemberg, Stadträtin Iris Ripsam, beließ es jedoch nicht allein mit der Begrüßung der Gäste. Sie forderte in ihren Eingangsworten die Landesregierung von Baden-Württemberg dazu auf, die Kürzung der Mittel für die Kulturförderung wieder zurückzunehmen und das Budget aufzustocken, um die kulturelle Arbeit der Landsmannschaften und Vertriebenenverbände im Land sicherzustellen.

Egon Primas, der auch stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag ist, würdigte dann an der Gedenktafel vor dem Neuen Schloss auf dem Stuttgarter Schlossplatz als diesjähriger Festredner, den 68.Jahrestag der Unterzeichnung der „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ am 5.August 1950 und erinnerte dabei an die grundlegenden Ziele der „Charta“, die neben dem Verzicht auf Rache und Vergeltung, die Unterstützung der Herbeiführung eines freien und geeinten Europas und die Beteiligung am Wiederaufbau Deutschlands und Europas zum Inhalt hatten. Primas setzte sich dabei mit den Fragen und passenden Antworten der Kritiker der Charta auseinander, die meist ideologischen Ursprungs seien und deren Antworten die Leistungen der Vertriebenen herabwürdigen und die Charta in ein negatives Licht rücken sollen. Der CDU-Politiker verdeutlichte dabei in seiner Festrede, dass die Charta der deutschen Heimatvertriebenen Vorbildcharakter habe und eine der größten Leistungen der frühen Nachkriegsgeschichte sei. So hätten die acht Millionen deutschen Heimatvertriebene und Flüchtlinge trotz des erlittenen Unrechts mit dem Verlust ihrer Heimat und den schwierigen Umständen, in denen sie im zerstörten Nachkriegsdeutschland wieder eine neue Heimat finden mussten, in der Charta auf Rache und Vergeltung verzichtet. „Selbstverständlich gibt es kein Recht auf Rache und Vergeltung“, so Egon Primas weiter, „aber der bewusste Ausstieg aus der Eskalationsspirale von Gewalt und Gegengewalt, ist keine Selbstverständlichkeit und eine Leistung mit Vorbildcharakter“. Auch sollten sich die kritischen Fragesteller zur Charta, die sich nicht in die Lebenswirklichkeit, in das schlimme Schicksal und das große Leid der deutschen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge einfühlen können oder wollen, die historische Leistung der Charta vor Augen halten, wenn in diesem Dokument bereits zwei Jahre vor Gründung der Europäischen Gemeinschaft das Ziel eines geeinten Europas ausgerufen wird, in dem alle Völker ohne Zwang leben können. Dazu zählt auch der Aufruf zum Wiederaufbau Deutschlands und Europas, dem die deutschen Heimatvertriebenen mit sehr viel Fleiß gefolgt sind und sich damit auch großen Anteil am wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik erarbeitet haben. Nicht zu vergessen das den Heimatvertriebenen sehr am Herzen liegende Recht auf Heimat, dass in der Charta formuliert ist und das angesichts der weltweiten Vertreibungen aktueller denn je ist. Egon Primas verhehlte aber nicht, dass es unter den zahlreichen Leitfiguren der Charta wie Rudolf Lodgman von Auen von der Sudetendeutschen Landsmannschaft oder Linus Kather vom Zentralverband der vertriebenen Deutschen, auch Charta-Unterzeichner mit problematischen Biographien gab. Doch hätten diese Unterzeichner der Charta mit ihrer Unterschrift aus ihrer Vergangenheit wichtige Schlüsse für die Zukunft gezogen. Das Unrecht der Vertreibungen hätte ohne die Verbrechen der Nationalsozialisten niemals so geschehen können, so der Christdemokrat abschließend, doch bedeutet dies keine Rechtfertigung für die Vertreibungen, wie es erst Bundeskanzlerin Angela Merkel beim diesjährigen nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung erklärt hat.


Mit einem Grußwort der Landesvorsitzenden der Ostpreußen und stellvertretenden Landesvorsitzenden des Bundes der Vertriebenen Baden-Württemberg, Uta Lüttich, in dem sie an Schicksale aus ihrer Familie erinnerte sowie einem Schlusswort des Stuttgarter Kreisvorsitzenden des Bundes der Vertriebenen, Albert Reich vom Bund der Vertriebenen, der zu den 150.000 deutschen Heimatvertriebenen zählt, die die Verkündung der „Charta“ im Hof des zerstörten Neuen Schlosses in Stuttgart erlebten, ging die Feierstunde zu Ende, die mit dem Deutschlandlied ausklang.

Helmut Heisig – UdVF – Stuttgart 

Foto: Feierstunde am Jahrestag der Verkündigung der „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ am 5.August 2018:
V.l.n.r. : der Stuttgarter Kreisvorsitzende des BdV, Albert Reich, SL-Bundesfrauenreferentin Gerda Ott, Dr. Stefan Kaufmann MdB (CDU), der ehemalige Landesvorsitzende der Deutsch-Balten, Wilfried Braun, Regionalrat a.D. Hans-Werner Carlhoff (CDU), Konrad Epple MdL(CDU), Festredner Egon Primas MdL (CDU), CDU-Alt-Stadträtin Bärbel Häring, der stellvertretende Vorsitzende der OMV, Christoph Zalder, die ehemalige Ordinariatsrätin Therese Wieland, Erika Reinhardt MdB a.D. (CDU), UdVF-Landesvorstandsmitglied Reinhold Frank, der Landesgeschäftsführer des BdV Baden-Württemberg, Hartmut Liebscher, die UdVF-Landesvorsitzende, Stadträtin Iris Ripsam (CDU), UdVF-Landesvorstandsmitglied Dr. Karin Eckert und die Kreisobfrau der Sudetendeutschen Landsmannschaft Stuttgart, Waltraud Illner. 
Foto: Andreas Züfle

Über Sudetendeutsche Landsmannschaft Landesgruppe e. V

Sudetendeutsche Landsmannschaft Landesverband Baden-Württemberg e.V.

Wir vertreten die im Land Baden-Württemberg wohnenden Sudetendeutschen.

Die Nachfahren jener Deutschen, die vor mehr als 800 Jahren in den sogenannten "Böhmischen Ländern", nämlich in Böhmen, Mähren und dem südlichen Teil Schlesiens (diese Länder bilden heute die "Tschechische Republik") ansässig geworden sind, wurden in diesem Jahrhundert unter dem Sammelnamen "Sudetendeutsche" bekannt.

1945/46 wurden 3,2 Millionen von den insgesamt 3,5 Millionen Sudetendeutschen aus ihrer Heimat vertrieben, ihr Eigentum wurde entschädigungslos konfisziert. Konfiskation und Vertreibung waren begleitet von blutigen Exzessen. Grundlage dieser gegen Menschen- und Völkerrecht verstoßenden "ethnischen Säuberung" bildeten Dekrete, die vom damaligen tschechoslowakischen Staatspräsidenten Edvard Beneš erlassen worden waren und die heute noch gültig sind.

Rund 600 000 dieser vertriebenen Sudetendeutschen kamen nach Baden-Württemberg, wo sie sich eine neue Existenz aufbauten und in das wirtschaftliche, gesellschaftliche, kulturelle und politische Leben eingegliedert wurden. Sie fanden sich in zahlreichen Vereinigungen zusammen, deren Grundlage ganz verschiedenartig war: Herkunftsgebiete, politische oder kulturelle Interessen, Freizeitgestaltung, berufliche Gemeinsamkeiten und manches mehr.

Jeder 15. Einwohner Baden-Württembergs ist Sudetendeutscher. Heute gibt es in Europa und Übersee insgesamt rund 3,8 Millionen Sudetendeutsche. Rund 600 000 von ihnen kamen im Zuge der Vertreibung aus ihrer Heimat nach dem 2.Weltkrieg nach Baden-Württemberg. Gemeinsam mit der einheimischen Bevölkerung trugen sie in der Nachkriegszeit zum Wiederaufbau des Landes bei. Durch ihre Stimmabgabe bei der Volksabstimmung 1952 waren sie wesentlich am Zustandekommen des "Südweststaates" beteiligt. Die für Baden-Württemberg kennzeichnende Ausgewogenheit zwischen großen Weltfirmen, Mittel- und Kleinbetrieben hat die wirtschaftliche Eingliederung der Sudetendeutschen und die Gründung neuer Werke und Fabriken durch sudetendeutsche Unternehmer in besonderem Maße erleichtert. Stellvertretend dafür seien genannt die Autofirma Porsche in Stuttgart, die Wiesenthal-Glashütte in Schwäbisch Gmünd, die Aluminium-Hütte Grohmann in Bisingen,die Maschinenfabrik Panhans in Sigmaringen, die Papierwerke Zechel in Reilingen,das Pharmawerk Merckle in Blaubeuren, dazu zahlreiche weitere mittlere und kleinere Betriebe.

27 Städte und Gemeinden Baden-Württembergs übernahmen Patenschaften über sudetendeutsche Kreise, Gemeinden und Landschaften. Insgesamt 24 kulturelle sudetendeutsche Einrichtungen – wissenschaftliche Gesellschaften, Archive, Büchereien, Sammlungen, Heimatstuben – wurden durch eigene Kraft der Sudetendeutschen und mit Hilfe öffentlicher Stellen in Baden-Württemberg aufgebaut.

Aus dem kulturellen Leben des Landes sind manche Namen von Sudetendeutschen nicht mehr wegzudenken, wie z. B. der Bildhauer Prof. Otto H. Hajek, die Tänzerin Birgit Keil, die Komponisten Karl-Michael Komma und Widmar Hader, der weltbekannte Posaunist Armin Rosin, die Dirigenten Wolfgang G. Hofmann und Emmerich Smola, die Malerin Traude Teodorescu-Klein oder der Dichter und Schriftsteller Josef Mühlberger – um nur einige wenige stellvertretend zu nennen.

Das Sudetenland im Vergleich zur Fläche einzelner deutscher Bundesländer

Bayern 70550 km2
Baden-Württemberg 35750 km2
Sudetenland 26500 km2
Hessen 21100 km2
Schleswig-Holstein 15700 km2
Saarland 2600 km2

Die kulturelle Verflechtung der Sudetendeutschen mit den übrigen deutschen Ländern und Landschaften ist seit Jahrhunderten eng und vielgestaltig.

Beispiele sind: Der schwäbische Baumeister Peter Parler aus Schwäbisch Gmünd, der im 14. Jahrhundert u. a. den Veitsdom in Prag erbaute, oder der aus dem Egerland kommende Barockbaumeister Balthasar Neumann, der nicht nur die Würzburger Residenz, sondern z. B. auch berühmte Treppenhäuser in Brühl und Bruchsal schuf. Auch andere Namen, herausgegriffen aus einer großen Zahl, beweisen den lebendigen Anteil, den die Deutschen aus den böhmischen Ländern am geistigen Leben des gesamten deutschen Volkes hatten und haben: Der Komponist Johann Wenzel Stamitz aus Deutsch-Brod beispielsweise, der später in Mannheim wirkte, Vinzenz Prießnitz und Johann Schroth, die großen Naturheiler, der Brünner Abt Gregor Mendel, dessen Vererbungslehre zur Grundlage moderner Genetik wurde, die Friedensnobelpreis-Trägerin Bertha von Suttner, die Dichter Rainer Maria Rilke, Adalbert Stifter, Marie von Ebner-Eschenbach, die Maler Alfred Kubin oder Ferdinand Staeger, aber auch die Bamberger Symphoniker, die nach der Vertreibung aus den "Prager Deutschen Philharmonikern" hervorgegangen waren, oder auch der Schriftsteller Otfried Preußler aus Reichenberg, dessen "Räuber Hotzenplotz" und "Kleine Hexe" heute Millionen Kinder und Erwachsene erfreuen.

Die Organisationen der Sudetendeutschen spiegeln in ihrer Vielfalt und Vielschichtigkeit das Leben und die Interessen der Angehörigen dieser Volksgruppe wider. Im politischen, kulturellen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, beruflichen, sozialen und gesellschaftlichen Bereich gibt es sudetendeutsche Zusammenschlüsse, aber auch auf Generationsebene und im Bereich der Freizeitgestaltung.

In Baden-Württemberg gibt es heute 27 größere sudetendeutsche Vereinigungen, von denen viele noch Untergliederungen auf Orts- und Kreisebene haben.

Mehrere sudetendeutsche Zeitschriften werden in Baden-Württemberg herausgegeben, ebenso haben verschiedene sudetendeutsche Stiftungen, Institute und Gesellschaften ihren Sitz in diesem Lande.

Die Sudetendeutschen im Vergleich zur Einwohnerzahl verschiedener Staaten

Norwegen 4,1 Mio
Sudetendeutsche 3,8 Mio
Irland 3,3 Mio
Albanien 2,7 Mio
Luxemburg 0,36 Mio
Island 0,23 Mio

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