SANTÉ, MORELLET!

Anlässlich des 100. Geburtstags von François Morellet halten sieben Werke des Künstlers Einzug in die Sammlungspräsentation des SCHAUWERK Sindelfingen. Sie treten in Dialog mit Arbeiten weiterer Künstler:innen aus der Sammlung Schaufler. Mit SANTÉ, MORELLET! reiht sich das SCHAUWERK Sindelfingen in die internationalen Glückwünsche zum Jubiläumsjahr ein.

François Morellet (1926–2016) zählt zu den bedeutendsten Vertretern der Geometrischen Abstraktion und Konkreten Kunst in Frankreich. Im Laufe seines rund sechs Jahrzehnte umfassenden Schaffens entwickelte er ein Werk, das auf System und klaren Regeln beruht und doch voller Esprit, Ironie und spielerischer Leichtigkeit ist. Mathematische Ordnungsprinzipien, serielle Strukturen, Zufallsverfahren und optische Effekte bilden dabei die Grundlage seiner Arbeiten. Subjektive Entscheidungen und eine persönliche Handschrift treten zugunsten von Rastern und festgelegten Spielregeln zurück. So entstand eine Kunst, die sich im Spannungsfeld zwischen rationaler Strenge und optischer Unvernunft bewegt, stets mit einer Portion subversivem Witz versehen.

Ein eindrückliches Beispiel für Morellets regelbasiertes Arbeiten ist die raumgreifende Skulptur Beaming Pi n° 1, 1 = 18°. Mehrere schwarze Balken aus Alucobond sind in Winkeln angeordnet, die sich aus den Dezimalstellen der Kreiszahl Pi ableiten. Nicht die Inspiration und Intuition des Künstlers bestimmen die Komposition, sondern ein festgelegtes Prinzip.

Wie sehr Humor, Parodie und die Infragestellung des künstlerischen Genies Morellets Werk prägen, zeigt Recréation n° 5 (d’après Charlotte Gasnier 3 ans, d’après François Morellet 27 ans). Die krakelige Linienführung aus blauen Neonröhren basiert auf der Zeichnung eines dreijährigen Mädchens, dem Morellet eine seiner Rasterkompositionen aus den 1950er-Jahren als Vorlage gegeben hatte. In Donald Baechlers Composition with Birds und Head (after Josef Bachler) finden sich verwandte Strategien. Für seine Gemälde verwendet der US-Amerikaner vorgefundene Bildquellen, häufig in kindlich-naiver Bildsprache. Auch hier wird die Vorstellung eines autonom schöpfenden Künstlergenies unterlaufen.

In 2 trames -9° + 9° werden zwei geometrische Drahtgitter jeweils um neun Grad in entgegengesetzte Richtungen verschoben, so dass ein dichtes Liniennetz entsteht. In der Ausstellung treten dazu Arbeiten der italienischen Künstlerin Dadamaino und des britischen Bildhauers Antony Gormley in Dialog. Alle drei Werke nutzen industrielle Materialien, serielle Strukturen und spielen mit Überlagerung.

In der Gegenüberstellung der Serigrafie 2 trames de petit carrés, -18° +18° mit einem Strickbild Rosemarie Trockels begegnen sich zwei Formen des All-over. Bei Morellet als verschobenes Raster, bei Trockel als maschinell gefertigtes Strickmuster. Was zunächst als formale Verwandtschaft erscheint, erhält bei Trockel durch seine weiblich konnotierte Materialität und Technik eine feministische Dimension.

Morellet gehörte 1961 zu den Mitbegründern der Künstlergruppe GRAV und bewegte sich damit im Umfeld von Op-Art und kinetischer Kunst. Häufig gilt sein Interesse einer Kunst, die den Blick aktiviert, irritiert und aus den Gewohnheiten löst. Eine engverwandte Haltung zeigt sich bei Jesús Rafael Soto, dessen Arbeit Carrés au milieu Morellets Gemälde 1 trame de 256 carrés réguliers, 50% orange 50% orange clair gegenübergestellt wird.

Lunatique compact n° 1 ruft mit seiner Kreisform, den Bogenelementen und dem weißen Neonlicht Assoziationen an den Mond hervor. Auf diesen bezieht sich auch der wortspielerische Titel, der sich mit „launisch“ übersetzen lässt und damit auf die Unberechenbarkeit der Komposition verweist, die in einem Zufallsverfahren entstand. Morellets „Mondlicht“ trifft im buchstäblichen Sinne auf Roni Horns tiefblauen Glasblock Deeps and Skies.

An anderer Stelle begegnen sich Sam Falls farbintensive Landschaftsmalerei und eine kühle Neonarbeit Morellets aus der Serie Sous-Prématisme, die auf den russischen Maler Kasimir Malewitsch referiert. Mit Tom Sachs‘ Endless Column (Brancusi) erweitert sich der Dialog um ein anderes kunsthistorisches Zitat: Auch Sachs greift eine Ikone der Moderne auf und eignet sie sich auf humorvolle Weise an, indem er sie aus McDonald’s-Kunststofftabletts nachbildet.

SANTÉ, MORELLET! versteht sich als Toast auf François Morellet und sein Werk, das das Sammlerpaar Peter Schaufler und Christiane Schaufler-Münch besonders schätzte. Der Ausstellungstitel greift die Leichtigkeit und den Witz auf, die seine Kunst auszeichnen. Zugleich verweist er auf das Jubiläumsjahr 2026, für das das Studio Morellet, das Centre Pompidou-Metz und die Galerie Mennour ein internationales Programm mit Ausstellungen, Konferenzen und Veranstaltungen initiiert haben. Auch das SCHAUWERK Sindelfingen beteiligt sich mit dieser Präsentation an den Feierlichkeiten.

Ausgestellte Künstler:innen
Donald Baechler, Dadamaino, Sam Falls, Sylvie Fleury, Isa Genzken, Antony Gormley, Roni Horn, Alex Katz, Jonathan Lasker, Bertrand Lavier, Heinz Mack, François Morellet, Fritz Ruoff, Tom Sachs, Jusús Rafael Soto, Rosemarie Trockel, Jef Verheyen, Not Vital

Die Präsentation ist Teil des offiziellen Jubiläumsprogramms
100 x Morellet
© Fonds de dotation Morellet, courtesy Mennour

Programm zur Eröffnung:
Sonntag, 05.07.2026, 11–18 Uhr · Eintritt frei!

11–17 Uhr                    Café PS3 geöffnet
12, 13 und 14 Uhr         Kuratorenführung mit Tobias Bednarz
12–17 Uhr                    Offene Studios: Kreativworkshops für Kinder und Jugendliche
15 Uhr                         Museumsführung

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