Kieler Woche 2020: Kieler Woche unter genauer Beobachtung

„Do it like in Kiel!“ Dieser Ausspruch des ehemaligen Präsidenten des Weltseglerverbandes Paul Henderson ist in der Landeshauptstadt zum geflügelten Wort geworden und hat die Augen der Segelwelt auf das organisatorische Geschick der Kieler gelenkt. In 2020 erfährt diese jahrzehntelange Erkenntnis neue Bedeutung. Segelveranstalter weltweit, aber auch Politiker, Ticketingunternehmer, Messeorganisatoren sowie medizintechnische Dienstleister beobachten genau, wie zur Kieler Woche der Umgang mit der Corona-Pandemie funktioniert.

„Das ist sicherlich die ungewöhnlichste Herausforderung, die ich in meinen 19 Jahren bei Point of Sailing erlebt habe“, gesteht Sven Christensen, Geschäftsführer der Vermarktungsagentur der Kieler Woche. Und es waren schon viele Aufgaben, derer sich POS gestellt hatte bzw. mit denen sich die Agentur auseinandersetzen musste. „Aber in den anderen Fällen konnten wir auf Erfahrungen zurückgreifen, mussten beim Aufbau von Zelten oder Leiten von Besucherströmen anders oder größer planen“, so Christensen. „Jetzt aber konnten wir auf Nichts aufsetzen.“

Mit der Entscheidung Mitte März, die Kieler Woche zu verschieben, aber das Wagnis der Ausrichtung einzugehen, hat die Arbeit an dem bestehenden Hygienekonzept begonnen – und sie war intensiv. Sven Christensen: „Es gab keinen Tag, an dem wir uns nicht damit beschäftigt haben, zumindest unterschwellig. Letztlich kreiste ja jede Frage auch um dieses Thema, sei es beim Layout der Flächen, dem Umgang mit den Sponsoren und Partnern, der Beauftragung von Dienstleistern oder ganz konkret bei der Aufstellung des Hygienekonzeptes.“ Und es musste intensiv kommuniziert werden – sowohl intern als auch extern. Presse, Politik, Helfer, Ehrenamtler und Wettfahrtleitungen: Alle hatten ein eigenes, bisher klar definiertes Bild von der Kieler Woche, das nun neu gezeichnet werden musste.


Herausgekommen ist schon auf den ersten Blick ein auffällig anderes Bild im Olympiazentrum Kiel-Schilksee: kaum Zelt- und Pagodendächer, viele Freiflächen, auf denen die Jollen reichlich Platz haben, dafür Unmengen an Gitterzäunen, Hinweistafeln und -Plakate. 2,1 Kilometer Bauzäune sind bis zum Start in die Segelwoche auf dem Areal aufgestellt worden. Am Montag wurden noch etliche Meter Gatter nachgeordert. „Wir haben Sektoren definiert, denen maximal 250 Köpfe zugeordnet werden. Laufwege wurden geschaffen“, erklärt Christensen. „Aber mit dem Start in die Woche ist deutlich geworden, dass das System dynamisch gehandhabt werden muss. Also haben wir etwas umstrukturiert.“

In acht verschiedene Bereiche teilt sich das Olympiazentrum nun ein. Die Segelklassen werden getrennt, aber auch die Organisatoren sollen sich möglichst wenig begegnen. So bilden Security, Check-In und Wettfahrtleitungen eigene Kohorten. Begegnungsketten werden von den Kieler Organisatoren knallhart durchschnitten. Deshalb haben die Trainer keinen Zugang zu den Arealen der Segelklassen. Da sie oftmals unterschiedliche Athleten betreuen, sollen die Coaches im Falle eines Falles nicht die Übertragung weiter streuen können. „Sollte es einen Infektionsfall geben, sollen die Maßnahmen ermöglichen, dass wir einen Baustein herausnehmen, ohne dass der gesamte Turm zusammenfällt“, sagt Christensen.

Soll die Einteilung in Kohorten und die Verteilung von Mund-Nasen-Masken (500 im Kieler-Woche-Design wurden hergestellt) sowie der Einsatz eines Besucher-Warnampel im Check-In-boot-Zelt das Auftreten von Infektionsketten von Vornherein verhindern, dient der Einsatz der Corona-Warnbänder mit der entsprechenden App dazu, gegebenenfalls mögliche Begegnungen aufzudecken und in die Ketten einzugreifen. 850 Armbänder werden im Wochenverlauf ausgegeben. Die App ist mit der Corona-Warnapp auf dem Smartphone kompatibel, arbeitet aber noch akkurater, da das Armband üblicherweise nicht aus der Hand gelegt wird.

Das Herzstück der konkreten Testung auf mögliche Infektionen sitzt am Zugang zum Regattahaus. An den Zugängen zum Organisationsbereich muss sich jeder einer Temperaturmessung unterziehen. Ist die unauffällig, ist der Zugang gewährt. Schlägt das Messgerät indes an, geht es in die nächsten Schritte des Screenings. Zunächst klärt ein Fragebogen Gesundheitszustand, Risikokontakte etc. Danach geht es zum Testcontainer mit erneuter Fiebermessung. Ein spezieller, freiwilliger Schnelltest soll mittels eines neuartigen Demonstrationsverfahrens einer Infrarot-Spektralanalyse weitere Klarheit bringen. Gibt es dabei keine Auffälligkeiten, ist der Weg zum Sport wieder frei. Anderenfalls werden für einen PCR-Test Proben genommen und ins Labor geschickt. Über Nacht gibt es dann ein Ergebnis, das beim Hygienebeauftragen des Kieler YC, Dr. Martin Lutz, einläuft. Bisher war die Handvoll von PCR-Testungen negativ. Auch alle rund 300 Spektralanalysen ergaben kein positives Ergebnis.

Das Gesamt-System ist von einer internen Arbeitsgruppe bei Point of Sailing mit Unterstützung aus Medizin und Laboren aufgebaut worden. Jetzt wird es intensiv von Externen beobachtet. „Wir möchten natürlich auch, dass man sieht, was wir tun“, sagt Sven Christensen, ist aber dennoch überrascht, wie viele Anfragen kommen: „Es ist fast täglich jemand da, der sich das System vor Ort anschaut. Es ist eine wahnsinnige Aufmerksamkeit.“

Mit der Akzeptanz unter den Teilnehmern sind die Kieler-Woche-Organisatoren grundsätzlich zufrieden, auch wenn es in Einzelfällen Corona-Skeptiker unter Seglern und Betreuern gab. Diskussionen gab es zu Beginn auch mit einigen Gästen im Hafen, die sich nicht von ihren gewohnten Laufwegen abbringen lassen wollten. Und natürlich ist eine ständige Kontrolle und Ermahnung notwendig, um einen Schlendrian beim Tragen der Masken auf dem gesamten Gelände zu verhindern. Christensen: „Die Rahmenbedingungen sind festgeschrieben und wir setzen diese auch durch. Am Ende liegt es aber an jedem Einzelnen, seine gesamtgesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen.“

Premiere in Kiel-Schilksee:
Corona-Schnelltest
In Schilksee setzt man unter anderem auf ein neues Verfahren, um eine Erkrankung mit Covid-19 innerhalb weniger Sekunden zu erkennen. „Wir möchten einen Test für die breite Bevölkerung anbieten, der schnell ein Ergebnis liefert und sich nicht so aufwendig gestaltet wie ein PCR-Test“, sagt Professor Maneesh Singh aus England. Zusammen mit seinem Kollegen nimmt er jeden Tag Abstriche, aus dem Mund ¬– nicht aus dem Rachen, und wertet sie mittels einer Spektralanalyse aus. Die Speichelprobe klemmen sie in ein Gerät und durchleuchten sie. Ein hochreiner Diamant teilt das Licht in ein Spektrum auf, in dem jedes chemische Element bestimmte Spuren hinterlässt. Die so entstandene Kurve lassen sie von einem Algorithmus am Rechner untersuchen. „Wir haben Proben von mehreren Tausend Probanden in den Algorithmus einfließen lassen, auch von sehr vielen Menschen mit einer Infektion“, sagt Maneesh Singh. Die Quote, mit der sich eine positive Probe so erkennen lässt, liegt bei 93 Prozent, gibt Singh an. In seiner Vorstellung soll mittels des Schnelltests eine Art Trichter entstehen: Viele Menschen werden in kürzester Zeit getestet und bei Auffälligkeiten wird ein PCR-Test durchgeführt. Das soll auch die Labore entlasten. Hinter der Entwicklung des Schnelltests steht auch der Flensburger Arzt Prof. Dr. Dr. Patrick Warnke, der die Spektranalyse eigentlich zum Erkennen anderer Krankheiten nutzen wollte.

Noch ist die Methode nicht zugelassen, sodass das Verfahren in Schilksee eine Demonstration auf freiwilliger Basis ist, doch in mehreren Ländern, darunter Deutschland, soll es demnächst so weit sein. „Wir hatten bisher vier Teilnehmer, die durch eine erhöhte Temperatur aufgefallen sind. Unser Test fiel negativ aus, aber zur Sicherheit gaben wir einen PCR-Test in Auftrag. Der Befund traf man nächsten Morgen ein: ebenfalls negativ.“

Bis Montag testeten Singh und sein Kollege 300 Personen in Schilksee, bis zum Ende am nächsten Sonntag hätten sie gerne 500 bis 1.000 Proben genommen. Das sollte zu schaffen sein – hoffentlich alle negativ. 

Segeln plus X mit Hygiene und Abstand
Neben Segelsport auf höchstem Niveau kennzeichnete bislang auch traditionell eine bunte Eventfläche in Schilksee die Kieler Woche. Anders in diesem Jahr. Im Mittelpunkt des Geschehens steht ausschließlich der Segelsport. Schilksee wird zu einer geschlossenen Gesellschaft ohne Eventareal. Das Hafengelände wird für die Öffentlichkeit abgesperrt. Die Aktiven sind mit Trainern und Organisatoren unter sich. Auf Veranstaltungszelte, die Sponsorenmeile und Verkaufsstände wird verzichtet. Das Regattahaus, der boot-Düsseldorf-Club als Check-In-Zelt, die Vaasahalle und das Areal rund um den Kieler Yacht-Club in Düsternbrook sind die Anlaufstellen an Land, ggf. wird die Bootshalle des KYC in Strande integriert. Die Aktiven, Organisatoren und Trainer erhalten Einlass-Tickets, die nur für bestimmte Areale gelten.

„Es sind enorme Herausforderungen, denen wir uns stellen, um den Seglerinnen und Seglern auch in diesem Jahr die Möglichkeit zu geben, Regatta zu segeln. Dabei steht die Gesundheit aller Beteiligten ganz klar im Vordergrund. Hygienevorschriften und Mindestabstandsregeln müssten eingehalten werden“, so der Organisationsleiter der Kieler-Woche-Regatten, Dirk Ramhorst. Zudem werden die Einreise-Vorschriften Einfluss auf die endgültigen Starterlisten nehmen.
Da das analoge Kieler-Woche-Erlebnis in Schilksee im Jahr der Pandemie also nicht stattfindet und Zuschauer vor Ort damit ausgeschlossen sind, legen die Veranstalter ein noch größeres Gewicht auf die digitale Öffentlichkeitsarbeit. Die Präsenz in den sozialen Netzwerken wird ausgebaut, und die Regatten werden den Segelfans in aller Welt umfangreich über Kieler-Woche-TV virtuell zugänglich gemacht. Für den TV-Bereich zeichnet die Landeshauptstadt Kiel verantwortlich und trägt die entsprechenden Kosten.

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