Fachkräftemangel trifft Energiewende: Warum Handwerk die unbekannte MINT-Karriere ist

MINT – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – findet nicht nur am Schreibtisch oder in Laboren statt, sondern auch im Handwerk. „Zu den MINT-Berufen gehören im Handwerk sehr viele, zum Beispiel Elektroniker/in, Anlagenmechaniker/in für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik oder Metallbauer/in“, erklärt Katharina Schütz, Stellvertretende Geschäftsführerin Geschäftsbereich Berufliche Bildung der Handwerkskammer Region Stuttgart. Hier arbeiten Fachkräfte mit modernster Technik. Sie lösen komplexe Probleme – und machen Ideen von Ingenieurinnen und Planern erst greifbar. Schütz betont: „Handwerkliche MINT-Berufe sind entscheidend für Zukunftsthemen wie die Energiewende und Digitalisierung – und bieten vielfältige Karrierechancen, vom Meistertitel bis hin zur Selbstständigkeit.“

Technisches Handwerk: Frauen noch immer in der Minderheit

Im Bereich der Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik (SHK) ist mathematisch-technisches Denken allgegenwärtig – und das nicht nur auf dem Papier. „Abwasserrohre brauchen ein gewisses Gefälle in Prozent, das muss man ausrechnen", erklärt Madlen Müller, Auszubildenden zur Anlagenmechanikerin SHK bei Müller Flaschnerei und Sanitärinstallationen in Gerlingen. „Auch bei der Heizkörperauslegung muss man berechnen, wie viel und welche Heizkörper ein Raum benötigt – das ist alles Mathe." Hinzu kommen Fragen zur Wärmedämmung oder physikalische Grundlagen wie die Wärmeleitfähigkeit. In der Praxis ist außerdem räumliches Vorstellungsvermögen gefragt: Wo verlaufen die Leitungen am sinnvollsten? Wie lang muss ein Rohr sein? Wo setze ich Rohrschellen? „Das ist sehr viel Messen und genaues Arbeiten", sagt die 19-Jährige. Bereits jetzt führt sie im zweiten Lehrjahr eigenständig kleinere Montagearbeiten durch – von Siphons und Eckventilen bis hin zur Vorbereitung von Heizungsrohren.

Madlen Müller wuchs zwar in einem Mehrgenerationenbetrieb auf, doch den entscheidenden Anstoß für die Ausbildung gab ihr erst ein Praktikum. „Ich hatte einfach so viel Spaß und dachte mir, der Beruf ist so vielseitig", erzählt sie. Was sie besonders überzeugte: die Möglichkeit, berufsbegleitend die Fachhochschulreife zu erwerben, und die vielen Weiterbildungswege. Denn ihr Beruf entwickle sich ständig weiter – in den letzten Jahren kamen Technologien wie Wärmepumpen und Photovoltaik hinzu. „Wir sind diejenigen, die die Technik so installieren, dass es für die Menschen nutzbar ist."

Und trotzdem werde ihr Handwerk gesellschaftlich unterschätzt, findet sie – besonders von jungen Frauen. Die Zahlen sprechen für sich: Von 452 neu abgeschlossenen SHK-Ausbildungsverträgen in der Region Stuttgart im Jahr 2025 stammten lediglich 7 von Frauen. 2024 waren es 6 von 473 – ein Anteil von etwa 1,2 Prozent. Madlen Müller ist eine davon. „Es ist halt doch noch eine Männerdomäne, da werde ich als Mädchen von den anderen Azubis oft ignoriert", räumt sie ein. Bei der Arbeit habe sie aber bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht, als Frau könne sie genau die gleichen Aufgaben machen wie die Männer. Ihr Ziel ist klar: Der Meistertitel. Und wer weiß, vielleicht übernimmt Madlen Müller eines Tages auch den Familienbetrieb – aber das lässt sie sich noch offen.

Programmieren und Baustelle: Ein Beruf, den kaum jemand kennt

Wie dynamisch sich das Handwerk entwickelt, zeigt auch die 2023 neu geschaffene Fachrichtung des/r Elektronikers/in für Gebäudesystemintegration. In diesem Beruf verschmelzen klassische Elektrotechnik und Informatik: Wer ihn erlernt, richtet nicht nur Leitungen, sondern auch Smart-Home-Systeme ein – steuerbar per App oder Touch-Display. Die Nachfrage nach solchen Lösungen wächst. Und doch ist der Beruf noch wenig bekannt: Während die verwandte Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik im Jahr 2025 in der Region Stuttgart rund 420 neue Ausbildungsverträge verzeichnete, waren es in der Gebäudesystemintegration gerade einmal 5.

Niklas Becker hat seine Ausbildung in diesem Beruf 2024 bei der Nägele Stuttgart GmbH in Denkendorf begonnen. „Ich wollte nie hundert Prozent ins Büro – und die Elektrotechnik hat mich schon im Technikunterricht fasziniert“, erzählt er. Nach einem Praktikum startete er zunächst in der klassischen Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik. Doch schnell war klar: Er ist nicht ausreichend gefordert. „Dann haben meine Ausbilder vorgeschlagen, dass ich zur Gebäudesystemintegration wechsle, einem Bereich, der sich auf die intelligente Vernetzung und Steuerung von Gebäudetechnik konzentriert.“ Eine seiner Aufgaben: ein Touch-Display konfigurieren, über das Beleuchtung und Jalousien im ganzen Raum gesteuert werden können. „Die Ausbildungsinhalte sind sehr umfangreich – aber am meisten Spaß macht mir das Programmieren“, so der 19-Jährige.

Trotz digitaler Inhalte bleibt die physikalisch-mathematische Basis unverzichtbar. Welches Kabel für welche Anwendung? Wie groß muss der Querschnitt sein? Ein Ofen mit Abwärme in einer Bäckerei stelle völlig andere Anforderungen als ein Lichtschalter im Privathaushalt. Wer eine Leitung auslege, müsse Spannung, Stromstärke und Magnetfelder im Blick behalten. „Jede Baustelle ist anders und jeder Kunde hat andere Wünsche“, sagt Niklas Becker. Sein Wunsch: dass das Klischee vom eintönigen Handwerk endlich verschwindet – vor allem in Schulen. „Was mich jeden Tag motiviert, ist genau das: dass ich vor neue Herausforderungen gestellt werde.“

Weitere Informationen zu den Ausbildungsberufen im Handwerk finden Sie hier: https://130chancen.de/

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